Johannes Itten, Bauhaus Farbenlehre, Farbkreis, Farben-Liebe

Farbkreise – Hilfsmittel oder Spielerei?

Die Meister der Kunstgeschichte, sei es nun Giotto im Mittelalter oder Michelangelo in der Renaissance, wussten, wie sie Farben mischen und kombinieren mussten um die von ihnen erwünschten Effekte zu erzielen. Den Umgang mit den Farben anhand eines einfachen Schemas systematisch zu erlernen, klingt verlockend. Entsprechend viele Farbmodelle sind im Laufe der Zeit entstanden. Schauen wir uns die bekanntesten einmal näher an.

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Johann Wolfgang von Goethe,
Farbkreis, 1810

Der Farbenkreis von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) führt nicht nur die unterschiedlichen Farbtöne schematisch auf, er weist ihnen auch regelrechte Charaktereigenschaften zu. Seine Farbenlehre (1810) hielt Goethe für eines seiner bedeutendsten Werke. Er hatte dafür jahrelang geforscht, darin das Wissen seiner Zeit zu den Farben zusammengetragen, es um eigene Beobachtungen und Experimente ergänzt und es zur Diskussion gestellt. Das war mit Sicherheit ein ausgesprochen bedeutsamer Beitrag zur Erforschung des Phänomens Farbe. Praktische Informationen dazu, wie Farben aufeinander aufbauen, lieferte es allerdings kaum.

Die Farbenkugeln von Goethes Brieffreund Philipp Otto Runge (1777-1810) haben da schon einen stärkeren praktischen Bezug. Entlang der breiten Äquatorlinie sind die Farben in ihrem klaren Ton angeordnet.

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Philipp Otto Runge, Farbenkugeln, 1810

Die Abfolge entspricht der tatsächlichen im Farbspektrum des Lichts. Dort, wo auf das kurzwelligste violette Licht das langwelligste, Rot, folgt, schließt sich der Kreis. Das Modell zeigt wie sich die einzelnen Farben schrittweise entlang ihrer drei Dimensionen abstufen lassen: im Farbton (von Violett zu Rot), in der Helligkeit oder in der Sättigung (blaßes oder kräftiges Rot). Runge lieferte damit eine gute praktische Übersicht für den Maler zu den Möglichkeiten Farben gezielt zu verändern.

Chevreuls Farbkreis, Farbenlehre Impressionisten, Farben-Liebe, Leuchtkraft der Farben
Chevreuls Farbkreis, 1839

Der Farbkreis von Michel Eugene Chevreul (1786-1889) ist 1839 im Rahmen seiner Studien zu den Gesetzen des Simultankontrasts erschienen. Man kann wohl sagen, dass Chevreul die farblichen Erkenntnisse geliefert hat, die das vibrierende Sonnenlicht in den Bildern der Impressionisten möglich machten. Aus seinem Farbkreis erschliesst sich dieses Wissen allerdings nicht ohne Weiteres.

Das Farbmodell von Johannes Itten (1888-1967) ist nicht ganz so schön anzusehen wie der leuchtende Farbring von Chevreul, aber recht nützlich. Itten war Lehrer und Maler. Von 1919-23 unterrichtete er am Bauhaus in Weimar den Vorkurs. Er selbst hatte bei Adolf Hölzel (1853-1934) studiert, der sich bereits intensiv mit den Farben und ihren Wechselwirkungen auseinandergesetzt hatte.
Ittens Farbkreis liefert einen einfachen praktischen Überblick. Im Zentrum stehen die drei Grundfarben der Malerei, die Primärfarben Gelb, Rot und Blau. Gerahmt werden sie von den drei Grundfarben zweiter Ordnung. Diese entstehen jeweils aus der Mischung der beiden darunterliegenden Primärfarben. Im Ring folgen dazwischen die Grundfarben dritter Ordnung.

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Johannes Itten, Farbmodell, ca. 1963

Fast noch wichtiger ist die Gegenüberstellung von Gegenfarben. Das ist nicht immer vollständig umsetzbar, aber das Wichtigste ist schnell ersichtlich. In Ittens Kreis stehen sich die Komplementäre stets gegenüber. Diese ergänzenden Gegenfarben sind durch mehrere Eigenschaften miteinander verbunden. Gemeinsam enthalten sie alle drei Grundfarben. Daher ergibt ihre Mischung Grau. Sie können sich also farblich neutralisieren. Im optischen Effekt des Simultankontrasts erscheint als Nachbild immer die Partnerfarbe.
Dazu kommen noch weitere Gegensätze. Leicht ersichtlich stehen die Farben mit der größten Eigenhelligkeit oben, die dunkelsten unten (fast durchgängig). Die sogenannten warmen Farben stehen (eher) rechts, die kälteren links. All dies sind wichtige praktische Informationen für den Maler.
Die sehr schematische Darstellung liefert einen schnellen Überblick. So kann das Wissen zu den Beziehungen der Farben schnell selbstverständlich zum intuitiven Bestandteil des eigenen Farbgefühls werden.